Ein neuer Wanderweg bei Schmilka verbindet demnächst die beiden Nationalparks Sächsische und Böhmische Schweiz. Er ist kurz, aber ruhig und lauschig – und vorerst noch ein Geheimtipp. Am Grenzweg oberhalb von Schmilka weist seit Kurzem ein Holzpfosten mit grüner Dreiecksmarkierung in eine völlig neue Richtung. Dahinter liegen frisch geschälte Stämme wie ein geometrisches Figurenmuster in langer Reihe am Hang und begrenzen einen noch unsichtbaren Weg hinauf zum Dlouhý roh (Langes Horn) auf böhmischer Seite. Noch ist der Weg unter einem roten Teppich aus Buchenlaub verborgen. Erst im April 2026 wird er offiziell eingeweiht. Bis dahin müssen hier und da noch ein paar schlammige Stellen befestigt werden. Aber die Markierung ist schon fertig, und auch gehen kann man ihn schon. Er ist dann der insgesamt fünfte grenzübergreifende Wanderweg zwischen beiden Nationalparks.

Unmittelbar vom Grenzweg zweigt die neue Route ab, führt hinauf zum Langen Horn (Dlouhý roh) auf böhmischer Seite und dann weiter ins Tal der Dürren Biele (Suchá Bělá).    Foto: Hartmut LandgrafUnmittelbar vom Grenzweg zweigt die neue Route ab, führt hinauf zum Langen Horn (Dlouhý roh) auf böhmischer Seite und dann weiter ins Tal der Dürren Biele (Suchá Bělá). Foto: Hartmut Landgraf

Die Testwanderung weckt Kindheitserinnerungen: Solche Wege haben wir uns früher aus bunten Rechenstäbchen gebaut. Sie waren spontan und verspielt und selten logisch. Man wanderte auf ihnen mit dem Finger über kleine Sandberge, durchquerte Fantasiewälder aus Grashalmen und imaginäre Länder, in denen nichts größer war als eine Butterblume. Und konnte dabei entdecken, dass Abenteuer kein spektakuläres Ziel benötigen, sondern überall dort beginnen, wo die Erwartung aufhört. Vielleicht braucht es diesen kindlichen Blick, um das Besondere der langdiskutierten Route zwischen den beiden Nationalparks Sächsische und Böhmische Schweiz zu erkennen.

Auf dem Langen Horn bietet sich eine reizvolle Aussicht über das Elbtal zum Zirkelstein.  Foto: Hartmut LandgrafAuf dem Langen Horn bietet sich eine reizvolle Aussicht über das Elbtal zum Zirkelstein. Foto: Hartmut Landgraf

Ursprünglich sollte sie mal oberhalb von Hřensko (Herrnskretschen) über die alte Johannespromenade führen, was zurzeit aber nicht möglich sei, sagt Tomáš Salov, Sprecher des böhmischen Nationalparks. Der große Waldbrand 2022 hat den Planern einen Strich durch die Rechnung gemacht, auf der Route gibt´s derzeit noch Brandschäden und andere Gefahrenstellen. Stattdessen wurde eine andere Lösung gefunden – bei der es auf böhmischer Seite zunächst noch eine Lücke zu schließen gab. Aus Sicht der tschechischen Naturschützer ein Zugeständnis, denn der Weg grenzt dort unmittelbar an die sorgsam gehütete Ruhezone des Nationalparks. Andererseits sollte aber eine grenzüberschreitende Wanderung möglich werden – abseits der Bundesstraße. So geht´s nun auf neugelegter Spur einen knappen Kilometer weit im Zickzack durch lichten Buchenwald zu einer hübschen Aussicht auf dem Langen Horn. Dort trifft die neue Route bald auf ein Netz alter Forstwege, auf denen sie ebenso lauschig ins Tal der Suchá Bělá (Dürre Biele) wieder hinunterführt und schließlich östlich von Hřensko an die Landstraße nach Jetřichovice (Dittersbach) anbindet.

Die Aussichtsplattform „Fénix“ bei Mezná (Stimmersdorf) erzählt in eindrucksvollen Bildern des Fotografen Václav Sojka, wie die Natur nach dem großen Waldbrand im Sommer 2022 zu neuem Leben erwacht – von den ersten „Kolonisten“, den Pilzen und Moosen, bis zur Rückkehr von Buche, Eiche, Fichte und Kiefer.   Foto: Hartmut LandgrafDie Aussichtsplattform „Fénix“ bei Mezná (Stimmersdorf) erzählt in eindrucksvollen Bildern des Fotografen Václav Sojka, wie die Natur nach dem großen Waldbrand im Sommer 2022 zu neuem Leben erwacht – von den ersten „Kolonisten“, den Pilzen und Moosen, bis zur Rückkehr von Buche, Eiche, Fichte und Kiefer. Foto: Hartmut Landgraf

Wer will, kann von dort in einer guten halben Stunde zur neuen Aussichtsplattform „Fénix“ weiterwandern. Denn das war die Idee, sagt Tomáš Salov. Der neue Weg über die Grenze soll eine inhaltliche Verbindung zwischen zwei Erlebnisstationen schaffen, die beide den Neustart der Natur nach einem Waldbrand zum Thema haben: die Plattform Fénix auf böhmischer Seite und den „Weg zur Wildnis“ im Winterberggebiet. Von einer Station zur anderen würde die Tour zu Fuß ungefähr drei bis vier Stunden dauern. Man kann sich von der Idee leiten lassen – beide Highlights aber auch separat auf kürzeren Wegen erreichen.

Am Reitsteig im Winterberggebiet führt der zweiteilige „Weg zur Wildnis“ über eine der Brandflächen auf sächsischer Seite. Anliegen ist es auch hier, zu dokumentieren, wie sich Wald neu entwickelt und diesen anhand von Bildern mit der Situation vor und unmittelbar nach dem Feuer zu vergleichen. Highlight ist eine kleine Plattform mit gutem Geländeüberblick und einer Selfiestation.    Foto: Hartmut LandgrafAm Reitsteig im Winterberggebiet führt der zweiteilige „Weg zur Wildnis“ über eine der Brandflächen auf sächsischer Seite. Anliegen ist es auch hier, zu dokumentieren, wie sich Wald neu entwickelt und diesen anhand von Bildern mit der Situation vor und unmittelbar nach dem Feuer zu vergleichen. Highlight ist eine kleine Plattform mit gutem Geländeüberblick und einer Selfiestation. Foto: Hartmut Landgraf

Was die Route ausmacht, spürt man bald. Zeitgemäß könnte man es „Waldbaden“ nennen – was im Grunde den Verlust jeglichen Zeitgefühls meint. Das geschieht nicht erst oben auf dem Langen Horn, wo sich ein schöner Blick übers Elbtal zum Zirkelstein bietet. Sondern vorher schon, irgendwo in der Ruhe des Buchenwalds: An einem moosbepelzten Felsblock reckt junger Adlerfarn seine Triebe in die novemberkalte Luft, wie etwas, das seinen Kopf zu früh aus dem schützenden Nest steckt. Derweil zupft oben der Wind die letzten Blätter von den Bäumen und lässt sie sanft wie Flocken zur Erde schweben. Junges drängelt vorwärts, Altes sinkt herab – und ein paar Wanderschritte genügen schon, um etwas Sinnhaftes und Vollkommenes darin zu erkennen. Wenn man ihn lässt, schenkt einem der Weg viele solcher Erlebnisse. Er birgt Spuren, die von Wildschweinen erzählen – und vom Waldbrand. Er überrascht mit einer Quelle und einem stillen Teich. Wandern, schreibt Robert Macfarlane, heißt vom Offensichtlichen abzuweichen. Womit er nicht die Füße meint. Sondern den Blick. 

Text: Hartmut Landgraf  Quelle: STAATSBETRIEB SACHSENFORST